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letzte Änderung : 25.04.2009Erschienen in den Trans-Ocean-Nachrichten Nr. 124, April 09 :Neue (Wasser-)Wege (Interview: D. Kowalewski / U. Röttgering) TO- Mitglied Dieter Kowalewski hat nach 6 jähriger Bauzeit seine selbst entworfene Alu-Motoryacht "Kaniva" im Sommer 2008 ihrem Element übergeben, unter www.kaniva.de ist der Werdegang zu sehen. Uwe Röttgering befragte ihn zu seinem Projekt. Frage: Du hast zweimal das Round Britain and Ireland Race gesegelt, das TWOSTAR Transatlantik Race, warst per Segelyacht im hohen Norden, hast den TO-Preis und die TO-Medaille bekommen, warum der Umstieg auf eine Motoryacht? Das ist nicht mit drei Worten zu erklären sondern eine längere Entwicklung. Sie begann mit dem kennen lernen meiner Frau Claudia. Damals habe ich "Snowball", ein 10m Stahlsegelboot, mit in die Ehe gebracht. Wie wir dann schnell festgestellt haben, ist Claudia gerne auf dem Boot, wird aber sofort dauerhaft seekrank. Trotzdem sind wir zu einer einjährigen Reise in die USA und zurück aufgebrochen. Ich wollte die Seestrecken so kurz wie möglich halten und hatte deshalb die Binnenroute zum Mittelmeer und in den USA den ICW gewählt. Die vielen Flautentage im Mittelmeer und zwischen England und Cuxhaven haben wir auch nicht dümpelnd ausgesessen, so kamen dann am Ende der Reise viele Motorstunden zusammen. Ich musste feststellen, das sich die Art des Segelns für mich stark verändert hatte. An Motorboote hatte ich bis dahin nicht einen Gedanken verschwendet, bis uns in Florida das erste Mal ein "Passagemaker Magazin" in die Hände fiel, eine Zeitschrift über Motorboote, wie ich sie bei uns noch nicht gesehen hatte. Vor allem die Berichte über die Effektivität der Stabilisatoren machten mich neugierig. Unterwegs hatten wir nichts vermisst, aber nachdem wir noch ein Jahr auf "Snowball" gewohnt haben, wurde sie uns doch etwas zu eng. Bei der Planung für das nächste Boot sind wir dann bei einem Motorboot mit Hilfsbesegelung gelandet. Die Seestrecken werden planbarer und man kann bei gutem Wind trotzdem segeln. Der Wohnkomfort ist deutlich größer als bei normalen Segelbooten gleicher Größe. Wichtig war uns, dass der Salon, der Steuerstand und auch die Pantry im Deckshaus untergebracht sind, dann spielt sich das gemeinsame Leben nahezu auf einer Ebene mit 360° Aussicht ab. Aus Angst vor den vielen Stunden beim Selbstbau haben wir uns erst Gebrauchtboote angesehen, aber keins gefunden, bei dem nicht in jeder Ecke ein Arbeitsprojekt lauerte. Die meisten Sportboote haben außerdem zu große Motoren mit zu kleinen Propellern, das bedeutet schlechter Wirkungsgrad und dadurch zu hoher Spritverbrauch, und aus der Berufsschifffahrt kenne ich nichts geeignetes. Gegen das Rollen gibt es die sog. Flopperstopper, das sind durchs Wasser gezogene Stabilisierungsschwimmer an langen Auslegern. Sie reduzieren das Rollen um ca. zwei Drittel. Gegen Vibrationen helfen steife Fundamente, weiche Gummilager und Anschlüsse, flexible Zwischenwelle mit Drucklager, gegen Lärm helfen Dichtheit des Motorraumes und durchgängiges hohes Flächengewicht der Wände, Luftschallfallen in den Belüftungen, wirkungsvolle Abgasschalldämpfer. Bei einem Neubau lässt sich das alles leicht verwirklichen, Schwierigkeiten bereiten die kaum vermeidbaren Schlauch- und sonstigen Durchleitungen durch die Wände. Zur Kentersicherheit: Kaniva hat Bleiballast im Kiel, und durch das große Deckshaus ein positives Aufrichtemoment bis 179°. Großen Wert habe ich darauf gelegt, dass das Boot wirklich dicht verschlossen werden kann, was z.B. bei den Schiebetüren nicht so einfach ist. Hauptsächlich in der Bequemlichkeit. Und wenn man nur motoren will kann man sich für ruhigere Überfahrten die windarmen Regionen aussuchen. Der Unterschied ist wohl vergleichbar mit einem Wohnmobil zu einem Sportwagen. "Passagemaker" ist ein Begriff von Robert Beebe, der das Buch "Voyaging under Power" geschrieben hat. Er wird üblicherweise für Motorboote verwendet, mit denen weitere Reisen unternommen werden können. Bei fünf Windstärken fuhr Kaniva halbwinds bis raumschots fünf Knoten. Sie kreuzt sogar ganz gut, unter vier Windstärken wird sie aber zu langsam. Für Vormwindkurse ist noch ein größeres Segel vorgesehen, was sich mit den langen Flopperstopper-Bäumen gut ausbaumen lässt. Damit dürfte man im Passat auf 100 Meilen Etmale kommen. Zum besseren Manövrieren gibt es Flossenruder oder Bugstrahler. Zur Ausfallsicherheit: Die häufigste Störungsursache bei Bootsmotoren ist der Kraftstoff, und dann funktionieren meistens beide Motoren nicht mehr. Letztlich ist dies eine Glaubensfrage. Für den Platz, das Gewicht und den Kosten einer zweiten Maschine würde ich eher einen Haufen Ersatzteile mitnehmen. Ein bewährter, richtig eingebauter und ebenso bedienter Motor, gut gewartet und überwacht, verrichtet tausende von Stunden zuverlässig seinen Dienst. Nicht ohne Grund fahren unzählige Berufsschiffe weltweit mit nur einer Maschine durch die Gegend. Aufwendige Schlepptankversuche für Serienjachten in unserer Größe, z.B. bei einer Nordhavn 40, haben zu überwiegend negativen Effekten geführt. Oftmals soll der Wulstbug bei kleinen Booten nur das Eintauchen des Vorschiffs dämpfen, bei Kaniva nicht nötig. Außerdem würde er bei dem fast geraden Steven das Ankern sehr erschweren. Ich rechne mit einem Liter pro Meile bei 7 Kn, das bedeutet 4000 sm Reichweite. Wir sind bis jetzt 650 sm gefahren, und da lag der Verbrauch bei ruhigem Wetter und 7 Kn bei 0,8 l/sm. Mit den Stabilisatoren im Wasser ist man ca. einen halben Knoten langsamer. Ein Generator ist erst mal nicht vorgesehen, für das Geld werden lieber viele Solarzellen und zwei Windgeneratoren angeschafft. 220V kommen aus dem Inverter, und nur zum Batterieladen würde ich als Generator einen kleinen Diesel mit einer Hochleistungslichtmaschine wählen, nicht den gängigen Umweg über 220V erzeugen und dann mit dem Ladegerät laden. Wenn alle noch vorgesehenen Verschlussmöglichkeiten eingebaut sind, hätte ich keine Bedenken bei einer Durchkenterung im Hafen. Kaum einschätzen kann man Seeschlag und die dynamischen Belastungen, da hilft nur großzügig zu dimensionieren, bei den Fenstern z.B. Und wie lange der Motor über Kopf läuft, keine Ahnung. Eine Kenterung ist immer ein Ausnahmezustand. Um das Rigg mache ich mir jedenfalls keine Sorgen. Wasserballast ist nicht vorgesehen, außer dass man den 330 l Grauwassertank unten im Kiel voll oder leer fahren kann. Optimal wären natürlich Trimmtanks, um immer gleiche Verhältnisse zu haben, aber dafür ist leider kein Platz vorhanden. Nach meinen Berechnungen ist die Stabilität mit leeren Tanks ausreichend, sie wird natürlich später am fertigen Boot noch kontrolliert. Auf keinen Fall würde ich die Öltanks mit Wasser füllen, eher den Ballast ändern. Übrigens ist ein steifes Boot aus Gründen des Komforts gar nicht wünschenswert, die Rollperiode sollte bei 5-7 Sekunden liegen. Ich hatte mit acht Jahren Bauzeit gerechnet. Kaniva ist ja noch nicht fertig, es fehlt noch der komplette Innenausbau, aber nach jetzt sechs Jahren kann ich sagen, dass es wohl nicht reichen wird. Die Kosten sind auch etwas höher als geplant. Ich kann Dir einige Beispiele mit enormen Preissteigerungen innerhalb der letzten sechs Jahre nennen. Völlig unterschätzt habe ich die Kosten für Schleifmittel, Schutzgas und Werkzeug. Z.B. haben fünf blaue Trennschleifer von Bosch den Geist aufgegeben und einer von Flex. Gerade ist wieder der Trafo im Schweißgerät durchgeschmort... Noch haben wir zuwenig Erfahrungen mit dem neuen Boot. Was sich aber schon bestätigt hat: Statt 75 PS hätten für den Antrieb 50 PS völlig gereicht, nur eingekuppelt fährt Kaniva schon knapp vier Knoten. Unterschätzt habe ich den Aufwand für die Planung, damit hänge ich immer hinterher. Und das Älterwerden... Ich bin gelernter Bootsbauer und Tischler. Aluschweißen und ein Boot komplett selber bauen waren aber neu für mich. Claudia hatte von Anfang an Interesse, wie gesagt, das Bordleben gefiel ihr sehr. Und sie hat ja auch gesehen, dass der Markt nicht das Erhoffte hergab. Aber sie hatte auch Angst, dass wir keine Zeit mehr füreinander haben würden, dass ich neben meiner selbständigen Arbeit nur noch mit dem Boot beschäftigt sein würde. Sie selbst kann kaum aktiv mitarbeiten. Aber den Bootsbau hat sie immer mitgetragen, und mich mit ihren Möglichkeiten unterstützt. Wichtig sind Grundregeln, z.B. ist uns der Sonntag heilig. Toleranz und Geduld sind sicherlich auch ganz wichtige Kriterien, vor allem aber die Gefühle füreinander und der gemeinsame Wunsch auf eigenem Kiel wieder aufs Wasser zu können. Jeder sollte sich selber einschätzen, ob er genug Energie und Durchhaltevermögen besitzt. Es ist bestimmt einfacher, wenn man die Möglichkeit hat den Bootsbau in kurzer Zeit durchzuziehen. Als Einzelkämpfer über lange Zeit ist die Motivation ganz wichtig, träumen ist Voraussetzung. Bei mir kann ich sagen, dass die meisten Arbeitstage in sich abgeschlossen sind, d.h. ich bekomme die eingesetzte Energie durch die Freude über das geleistete Ergebnis wieder zurück, wenn das bisher nur in der Vorstellung existierende dann wirklich da ist. Wie ich gelesen habe machen das jedenfalls die meisten Fischer. Die Mehrzahl der normalen Motorboote hat zum vor der See ablaufen viel zu kleine Ruder und es besteht die Gefahr des Querschlagens. Das dürfte für Kaniva kein Problem sein, auch ein vollgeschlagenes Cockpit rechnerisch nicht. Aber gefühlsmäßig habe ich die See lieber von vorne. Das war eine Grundbedingung, zumindest sollte eine problemlose Fahrt ins Mittelmeer möglich sein. Der Mast lässt sich leicht mit Bordmitteln legen und ist dann nicht länger als das Boot. Erst einmal gibt es in der Ostsee für uns noch jede Menge zu entdecken. Im Hinterkopf warten Ziele wie Grönland und die großen Seen in den USA. Das habe ich so nicht vorgesehen, meine Zeichnungen sind auch nicht dafür ausgearbeitet. Aber man sollte nie nie sagen... Uwe Röttgering |
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